Oben: links eine ERMA ER 66 4mm 4m20; rechts: ERMA ER 77 4mm 4m20. Beides sind hochwertige Nachbauten von Smith&Wesson-Revolvern im Kaliber .38 Special.   

Mäusekaliber? 

 

4mm-Waffen (das Kaliber 6mm Flobert gibt es ebenfalls) sind eine durchaus interessante Spezies im Bereich der Schusswaffen. Vor 1972 waren diese frei ab 18 Jahren zu kaufen und daher fand sich in vielen Haushalten ein Revolver (seltener eine Pistole oder ein Derringer) in diesem Kaliber. In Deutschland hatten und haben diese Waffen die größte Verbreitung, auch wenn es in einigen östlichen Nachbarländern ebenfalls etliche 4mm-Schusswaffen zu finden gibt. Der Sinn dieser kuriosen Kleinstkaliber liegt in der Idee, damit zuhause und vor allem kostengünstig zu trainieren. Wahrscheinlich hat auch das Militär davon Gebrauch gemacht.  Damals war die Munition noch günstiger als .22 lfb, heutzutage kosten 50 Patronen 4m20 leider mindestens so viel wie eine Packung 9mm Luger. Früher war es wohl auch in ländlichen Gegenden üblich, in Gaststätten mit solchen Kalibern nach dem Essen auf eine hinter großen Türen verborgene Scheibe zu schießen, sozusagen als Verdauungstätigkeit und zum geselligen Zeitvertreib, bis Kaffee und Kuchen kommen. Die Zentral- und Randfeuerkaliber 4m20 und 4mmR lösten so die alten Salonpistolen ab, die noch als Vorderlader fungierten. Ansonsten waren diese oft als Mäusekaliber belächelten Waffen ein völlig harmloser Freizeitspaß für den Durchschnittsbürger - bis 1972 frei zu kaufen, dienten sie, wie LG oder Lupis, als reine Spaßgeräte fürs zwanglose Schießen zuhause. Einen Wert als SV-Waffe bieten diese Geräte übrigens nicht, falls da jetzt jemand anfängt nachzudenken ...       

 

Grundsätzlich gibt es drei Typen dieser Waffenkategorie: die ab Werk so gebauten (siehe dazu auch Erklärung weiter unten), die umgebauten Waffen und Einsteckläufe. Die Einstecksysteme dienten als günstige Trainingsmöglichkeit, da man so aus einer Großkaliberwaffe die billigen 4mm-Patrönchen verschießen konnte. Ein Lauf mit Patronenlager wird einfach in den vorhandenen, größeren Lauf eingeschoben und man kann die kleinere Munition benutzen. Bis auf den Repetiervorgang der Pistole bleiben alle Funktionen erhalten - Zielen, Abdrücken und Schießen. In der Bedienungsanleitung der Walther P.38 aus den 60er-Jahren findet man auf den letzten Seiten den Hinweis, dass es allein für diese Waffe zwei verschiedene 4mm-Einsteckläufe mit jeweils unterschiedlichen Lade-Systemen gibt (Stahlpatrone oder Ladelöffel).   

 

Interessanterweise hält der BDS seit 2009 in seinen zahlreichen Disziplinen sogar eine für die 4mm-Schusswaffen bereit: "Präzision auf 10m für Waffen in 4 mm/M20". Man kann solche Waffen also auch offiziell sportlich nutzen (was in der Praxis aber nur leider sehr wenige machen), allerdings braucht man das nicht, wenn man sie erwerben will (s. u.).  

Oben und unten: ERMA ERP 74 - ERP steht für ERMA REPETIER PISTOLE. 4mm (4m20).  Bei dieser interessanten Konstruktion wird der Verschluss über den Abzug repetiert - das erfordert etwas mehr Kraft im Zeigefinger als bei einer normalen Pistole. Aber hier reicht der Gasdruck der schwachen 4mm-Laborierung nicht aus, um den Verschluss überhaupt zu bewegen. Die auf dieser Seite gezeigte Version der ERP 74 ist übrigens die zweite, jüngere. Dies erkennt man an den schwarzen Griffschalen und auch an dem etwas lieblos angebrachten "F" im Fünfeck. Die ältere Version hat braune Kunststoffgriffe, ist aber ansonsten nahezu baugleich. Bei der älteren Variante sollte man darauf achten, dass die rechte Waffenseite nicht korrodiert ist, denn die Pistole wurde in einem Karton mit einer Einlage geliefert und wenn sie lange dort verwahrt war, bildete sich gerne Korrosion auf der Oberfläche des Verschlussseite.  

Rechtliches: 

 

Sie unterliegen heute nach wie vor keiner Bedürfnispflicht, das bedeutet, dass man zum Erwerb also nicht aktiv dem Schießsport nachgehen muss - einfaches "Habenwollen" reicht völlig aus. Sie sind folglich "bedürfnisfrei", aber leider erwerbsscheinpflichtig. Diese Schusswaffen, deren Mündungsenergie unter 7,5 Joule liegt, kann man daher nur mit einer Waffenbesitzkarte (Grün mit Voreintrag für die Kurzwaffen und Gelb ohne Voreintrag für die Langwaffen) erwerben. Da heißt also für den Interessenten, dass er eine Waffensachkundeprüfung ablegen muss und auch nach dem Erhalt der WBK einen sog. "0"- oder "1"-Tresor zur Verwahrung dieser Minikaliberwaffen anschaffen und dies auch der Behörde belegen muss. Der Aufwand ist also im Vergleich zu freien Waffen doch recht groß, dazu kommt, dass wie erwähnt die Munition unverschämt teuer ist. Angeblich stellen derzeit die Hersteller der Munition 4m20 (Zentralfeuer) die Produktion völlig ein. Offenbar lohnt sich das Ganze nicht besonders, da der Absatz zu gering ist. Die neuerdings erforderlichen Tresore der Klasse "0" oder "1" (bei Neukauf) kosten auch noch mal eine ordentliche Stange Geld, sodass man am Ende den Besitz dieser Waffen doch sehr teuer bezahlt.  

 

Und trotzdem ist es eine reizvolle Sache, sich mit diesen als "Mäusekaliber" belächelten Pistolen, Revolvern und Gewehren zu beschäftigen. Man hat es mit einer richtigen Feuerwaffe zu tun, die knallt und stinkt. Darüber hinaus darf man sie legal zuhause abfeuern! Näher kommt man an eine "echte Waffe" nicht mehr heran, auch wenn die Energie natürlich massiv kastriert erscheint. Und für potenzielle Sammler gibt es am Markt doch eine recht große Menge an Typen und Varianten, hier kann man sich ganz sicher mehrere Jahre gut beschäftigen und in die Technik und Geschichte reinfuchsen.  

 

Alle Waffen dieser Kategorie müssen (!) ein "F" im Fünfeck tragen! Das "F" für "frei" ist hier etwas irritierend, da diese Schusswaffen ja keinesfalls frei käuflich sind. Es bedeutet schlicht, dass die Mündungsenergie unterhalb von 7,5 Joule liegt. Viele 4mm-Waffen haben zusätzlich noch eine PTB-Kennung (PTB-Nummer im Quadrat), dies ist aber vom WaffG. nicht zwingend vorgeschrieben. 

 

"Gekoren" vs. "geboren" 

 

Wichtig ist ferner, dass man sich nur "geborene" 4mm-Waffen anschafft, keine "gekorene". Diese hier etwas sonderlich klingenden Begriffe besagen, dass man ohne Weiteres keine Schusswaffen in diesen Kalibern mehr kaufen darf, die aus anderen Waffen mit einem ursprünglich größeren Kaliber umgebaut wurden. In den 90ern konnte man z. B. bei Frankonia einen .38er-Revolver (ROSSI, TAURUS, SMITH&WESSON) bekommen und dann auf 4mm umbauen lassen. Dabei wurden ein neuer Lauf und neue Trommelkammern in die Trommel eingeklebt und man hatte eine gekorene 4mm-Waffe. Das ist jedoch nicht mehr zulässig. Eine solche konvertierte Waffe kann nur erwerben, wer dafür ein sportliches Bedürfnis geltend macht, das bedeutet, dass man z. B. für eine umgebaute 9mm-Pistole ein sportliches Bedürfnis für eine Pistole in 9mm vorbringen muss! Hier zählt also quasi das Ursprungskaliber, nicht das neue. Das wird wohl kaum jemand machen, zumal so auch ein Platz auf der WBK mit dieser Kurzwaffe "verschwendet" wird. Die geborenen, also die ab Werk in 4mm gefertigten Teile, sind hingegen weiterhin bedürfnisfrei.

Oben: Die ERP 74 in voller Pracht. Die Waffe wird wie die Revolver oben mit Ladehülsen bestückt und geschossen. Wichtig: Diese kleinen Hülsen sind ebenfalls WBK-pflichtig! 

Seite für bedürfnisfreie Waffen

 

Es gibt bzw. eher gab einige Anbieter für die Kleinstkaliberwaffen: Erma, Melcher, Reck, Weihrauch, Harrington&Richardson, H. Schmidt, Röhm, EM-GE, Wicke und Perfecta fallen mir da spontan ein. 

 

Das Tolle ist, dass man mit den 4mm-Waffen wegen der o. g. Joule-Begrenzung auch legal zuhause schießen kann und darf, wobei man vor allem draußen im Garten bestimmte Sicherheitsvorkehrungen treffen muss, die aber auch für freie Waffen wie Luftgewehre gelten. Das Schießen ist vergleichbar mit einer CO2-Kurzwaffe, wobei der Knall und der Geruch schon noch mal etwas Besonderes sind. Je nach Typ, Lauflänge und Visierung sind Schussentfernungen von ca. 10m realistisch.  Eigene Versuche auf dem Schießstand haben aber gezeigt, dass man auch bis 25m noch die Scheibe trifft und das auch nicht so schlecht. 

 

Fazit: Eine insgesamt recht aufwändige Sache, wenn man nicht schon eine WBK hat. Die Waffen selbst sind meist sehr günstig zu haben, alles drumherum wie Munition und der bürokratische Aufwand ist aber teuer. Verschärfend kommt aktuell hinzu, dass die Munition 4mm 4m20 offenbar nicht mehr produziert wird, hier muss man also nach Restbeständen Ausschau halten. Aber auch Normalbürger kommen so leicht an richtige Waffen, denn man muss kein Sportschütze oder Jäger sein, denn es gibt hier keine Bedürfnispflicht. Man kann sich so ohne große Hürden ganze Sammlungen zulegen. Wer Spaß an Skurrilem hat und schon immer mal eine "echte" Waffe sein eigen nennen wollte, ohne dafür fleißig im Verein zu trainieren, der ist beim Mäusekaliber genau richtig!   

 

Kaliber: 

 

4mmR (Randfeuer)

4mm 4m20 (Zentralfeuer)

6mm Flobert (Randfeuer)

 

Video einer Weihrauch HW 4 in Action - hier treffend als "schwächste Faustfeuerwaffe der Welt" betitelt:  

Tipps:

 

- Besonders empfehlenswert sind die drei von ERMA gebauten Waffen: Revolver ERMA ER 77, Revolver ERMA ER 66 und Pistole ERMA ERP 74. (siehe Bilder ganz oben) Diese sind zwar bis auf die ERP 74 recht selten, haben aber auch einen gewissen Sammlerwert; die Qualität, Präzision und Funktion sprechen klar für sich. Natürlich gibt es neben der üblichen Massenware noch weitere schöne Stücke: die Revolver von HARRINGTON&RICHARDSON und einige Derringer-Modelle. 

 

- Bei Onlineplattformen wie eGun.de findet man einige Waffen aus dieser Kategorie und bis auf Ausnahmen zahlt man pro Waffe nur geringe Preise. Neuwertige Stücke von gängigen Typen (etwa WEIHRAUCH HW 4) für um die 30 € sind keine Seltenheit - ein kleiner Ausgleich für die sauteure Munition.

 

- Neu zu kaufen gibt es 4mm-Waffen von der Firma Weihrauch Arminius. Cuno Melcher bietet ebenfalls noch einige Revolver an, die aber qualitativ mit Weihrauch (und anderen) nicht ganz mithalten können. Langwaffen gibt es neu gar nicht mehr und auch gebraucht findet man diese nicht so häufig wie Revolver, Pistolen sind ebenfalls selten, da es ganz wenige Typen gibt. 

Oben: Eine andere ERMA ER 66 mit einer Variante der Griffschalen ohne Emblem. Verarbeitung und Schlossgang dieser Waffen sind hervorragend. Gebaut wurden von diesem Revolver Mitte der 90er Jahre nur 550 Stück. 

Oben: 4mm-Patronen (4m20) in der 100er-Dose.